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Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
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«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


was bringen appelle?

mehrheiten und minderheiten.

die appellativen texte – tut mehr für die saubere luft! geht sparsam um mit den ressourcen! rennt nicht den schätzen dieser welt nach und sorgt euch mehr um eure seele – sie gelingen mir je länger umso weniger. sie bringen nichts. da gibt es a) jene, die meine auffassung teilen und völlig mit mir einverstanden sind. was soll ich ins signalhorn blasen, wenn sie längst schon auf meinem weg sind. da gibt es b) jene anderen, die zu innerst meine auffassung teilen, denen es aber quer zu ihren bedürfnissen und ihrer bequemlichkeit steht, wenn sie sich von der sauberen luft, von den beschränkten ressourcen oder gar von ihrer eigenen seele einschränken lassen sollen. ich könnte sie mit meinem text nicht von ihrem weg abbringen, sie würden weiterhin ihre zeitung am kiosk mit dem auto abholen. sie hätten zwar dabei ein schlechtes gewissen, gäben es vor sich selber aber nicht zu und würden dafür mutig ihre stimme erheben gegen diktatorisches gehabe der grünen oder der linken, würden einmal mehr sich für freiheit stark machen und auf ihre autonomie pochen. wie hieß es doch einst: «mein auto fährt auch ohne den wald!» und schließlich gibt es c) jenen teil der menschheit, den die ganze diskussion ganz und gar nicht berührt und der nach dem unausgesprochenen wahlspruch lebt und handelt «après nous le déluge». für diese gruppe wäre mein text nichts anderes als eine verschleuderung der mittel – schade um die tinte.

damit möchte ich jetzt nichts gesagt haben gegen meine kolleginnen und kollegen, welche uns die argumente für die grüne wirtschaft, für oder gegen die ahv-erhöhung oder die kinderbetreuung dargelegt haben. es gibt ja durchaus abstimmungsvorlagen, bei denen wir in guten treuen zweierlei meinung sein können, und da bin ich denn auch dankbar für verschiedene überlegungen.

weniger freude habe ich hingegen an den trendumfragen jeweils vor den abstimmungen. es ist doch wohl kaum umstritten, dass jene seite, die bei der voraussichtlichen mehrheit liegt, zulauf erhält. der mensch ist nun mal ein gemeinschaftswesen und ist geneigt, beim großen haufen mitzulaufen. er lässt sich auch von starken oder auch nur lauten führungspersönlichkeiten beeindrucken, ohne sich groß zu fragen, ob er deren argumente teilen kann.

es gab in der letzten zeit eine ausnahme: bei der durchsetzungsinitiative hat in der endphase eine kluge und engagierte kampagne die mehrheiten gekippt, so dass es zu einer ablehnung gekommen ist. die meinungsumfrage zuvor deutete auf eine starke annahme hin, und das hat dann doch viele dazu bewegt, sich nochmals zu engagieren, was schließlich zu einem nein führen konnte. wer weiß, ob das auch ohne trendmeldung geschehen wäre.

dennoch: man muss sich überlegen, ob solche umfragen nicht besser zu verbieten wären. ich bin der meinung, wegen des hinterherlauf-effekts verfälschen sie das resultat einer abstimmung. dieser monsieur longchamps hat in unserer demokratie, meine ich, zu viel gewicht.

 


Alfred Vogel,
29.9.2016, 115. Jahrgang, Nr. 273.

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