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Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
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«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


Besuch in der schönen Hafenstadt der Provence-Alpes-Côte d‘Azur, nach dem grausigen Anschlag:

In Nizza herrscht Obhut und Trauer.

Vergangenen Juni teilten meine Frau und ich den Gedanken mit vielen anderen Menschen, während der Sommerferien, mal wieder über einige Tage die wunderbare Hafenstadt Nizza zu besuchen: Durch die Gassen und Strassen schlendern, in den kulinarischen Lokalen genuss-voll schlemmen, nippen und trinken, am Meer liegen und spazierend wie schwimmend die zauberhaft reiche Landschaft bewundern. Freilich war dann auch für uns der Anschlag, drei Wochen vor unserer Ankunft, am Abend des französischen Nationalfeiertags – an der vertraut traumhaften Promenade des Anglais ein fürchterlicher Schock. Vor Ort waren 30 000 Menschen, die sich über das grossartige Feuerwerk freuten. Gemäss dem «Tages-anzeiger» fuhr gegen 22 Uhr 45 ein weisser Lastwagen mit Kühlaufbau der gesperrten Flaniermeile entlang. Der 31-jährige Tunesier Mohamed Salame Lahouaiej Bouhlel, beschleunigte plötzlich das Tempo und überfuhr zwischen den Hausnummern 11 und 147, also 2000 Metern, gezielt mehrere Hundert Menschen. Beim Hotel Negresco schoss er auf drei Polizisten, die das Feuer erwiderten. Nach weiteren 300 Metern blieb das Fahrzeug unweit des Palais de la Méditerrane stehen. Der Attentäter wurde von der von der Polizei erschossen. Nebst dem eingeschalteten Handy, Führerschein und Kreditkarte, lag eine Pistole des Kalibers 7,65, Patronenhülsen wie unbenutzte Patronen, Gewehr-Attrappen und eine nicht intakte Granate. 85 Menschen aus 21 Nationen wurden getötet und 303 Personen mitunter arg verletzt!

Präsident François Hollande erklärte in seiner nächtlichen Ansprache an die Nation: «Frankreich ist an einem 14. Juli angegriffen worden, dem Symbol der Freiheit». Frankreich werde diesen Angriff nicht hinnehmen, seine Werte verteidigen. Das Sicherheitspersonal werde verstärkt und der Ausnahmezustand vorerst bis Januar 2017 verlängert. Wir haben uns drum respektvoll und guten Mutes entschieden, mit der TGV – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 267 Stundenkilometern – gen zauberhaftes Nizza zu donnern, um dort vier Nächte in einem Kunsthotel zu logieren und tagsüber frei durch die zauberhaften Gassen wie dem Meer entlang zu schlendern, zu schwimmen und die göttliche französische Küche täglich zweimal zu kosten. Freilich haben es uns die wunderbaren Salate angetan. Etwa im unglaublich gut aufgestellten Rina: Da teilten wir uns ein lecker gewürztes wie gebratenes Huhn und einen göttlichen Salat niçoise und schoben uns vor dem Espress Tarte tatin und Crème brûlée über die Zunge. Oder der Besuch im Lokal Le Milo’s: Da trafen wir’s mit einem Salade an chèvrechand und Penne arrabiata nicht nur kulinarisch delikat, sondern auch noch dramatisch: Hinter mir stand ein stattlicher, unscheinbarer Mann mit grauen Haaren, schwarzen Hosen und rosa Shirt. Nichts besonderes. Aber! Eine der vielen Sicherheit verkörpernden Polizei-Patrouillen schlenderte gemächlich an uns vorbei, ein Polizist rief den stillen Rosamann, der Schritt unterm Schirmen zur Gasse, hielt die Arme nach hinten ... und in aller Ruhe schnappte die Handschelle zu!

Es sind so viele beschützende Polizei- und Militärpatrouillen präsent, dass schlicht keine Angst aufkommt. Aber es wird getrauert. Man sieht’s allenthalben, an all den vielen Blumen, Kerzen, Karten ...


Guido Blumer,
26.8.2016, 115. Jahrgang, Nr. 239.

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