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Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
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«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


Ist wer es nicht schafft, an sich selbst gescheitert?

Am Stuhl der Macht rütteln.

Frauenrechte und Flüchtende bringen die Volksseele zum Kochen. Es mag meinem Engagement geschuldet sein, dass mich vor allem empörte Kommentare zu Feminismus und Fremden erreichen, doch die argumentative Ähnlichkeit ist augenfällig: Dem Recht der Flüchtende wird «Switzerland first» entgegengebrüllt: «Vergessen Sie bitte nicht, dass das Wohl der Schweizer immer erste Priorität haben muss.» – «Was ist mit unseren Armen, Arbeitslosen, Alten?» Frauenrechte werden gleich als überflüssig und überholt diskreditiert: «Solange wir in der Schweiz keine anderen Probleme haben, scheint es den Schweizern gut zu gehen.» Oder «Taugenichtse, die sich ab jedem Furz aufregen und ein Kompliment nicht von Sexismus unterscheiden können. Lass doch einfach die Haare an den Beinen und unter den Armen wachsen, zieh wollene Strümpfe und Birkenstock Latschen an und shut the fuck up.»

Ob der Kampf für Emanzipation oder das Engagement für eine menschenwürdige Asylpolitik: Alle beide fordern sie die vermeintlich unverrückbare, naturgesetzliche Herrschaft des «weissen Mannes» heraus. Sich einzugestehen, dass die eigenen Privilegien nicht aus Eigenverantwortung oder Eigenleistung gespiesen, sondern von zufälligem Glück genährt werden, fällt schwer. Die wenigsten halten es aus, zuzusehen, wie der als selbstverständlich empfundene Machtanspruch (dem Schweizer Pass und Penis sei dank) in Trümmern aus Zufall und Geburtsglück zerfällt. Da ist es angenehmer, den Weg der Illusion weiterzugehen und sich weiterhin an der Macht zu verbeissen. Mit bitteren Folgen für die Gesellschaft. Frauen und Männer seien nicht gleich, heisst es, um Lohnungleichheit, die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Alltagssexismus oder traditionelle Rollenbilder zu legitimieren. Asylsuchende teilen nicht unsere Werte, heisst es, um geschlossene Grenzen, Assimilationsforderungen und Eingrenzungen zu rechtfertigen. Das «Andere» (ob Frau oder Flüchtende) wird mit Abgrenzung und Abwertung von sich gewiesen.

Diese fragile Selbstgefälligkeit ist deshalb so gefährlich, weil sich das Geburtsglück mit einer neoliberalen Abbaupolitik und dem Grundsatz paart, dass jeder und jede für das eigene Glück verantwortlich ist. Wer es nicht schafft, der ist an sich selbst gescheitert. Das hilft wenig, bereit dafür zu sein, von der Arroganz abzulassen und ungerechtfertigte Privilegien abzugeben. Denn die Angst wächst, plötzlich zu denen da unten zu gehören. Und da will niemand hin. Daraus ergibt sich eine explosive Mischung aus Überheblichkeit und Verlustangst, die sich in Fremdenfeindlichkeit und Frauenhass entlädt.

Zugegeben, es mag zutiefst verunsichern, wenn es sich jemand ernsthaft erlaubt, am Stuhl der Macht zu rütteln. Doch wir werden nicht damit aufhören.


Mattea Meyer,
26.3.2017, 116. Jahrgang, Nr. 85.

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