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Herausgeber: Guido Blumer & Roger Rutz.
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«Wandzeitung» am Obertor 32.

Die älteste Zeitungsform und gleichsam die modernste:
365 Texte im Jahr hängen während eines Tages an der Wand,
und sie werden tags darauf im Blog diskutiert.

 


Aufgeben:

Die Logik.

Als wir an die Tankstelle in Turin kommen, sehen wir als erstes die Carabinieri und das ist beunruhigend. Denn in Italien, so steht es im Internet, ist Autostopp an der Raststätte verboten.Trotzdem werde es in der Regel nicht geahndet, so steht es ebenfalls im Internet. Unentschlossen lungern wir auf der Raststätte herum und beobachten die Lage aus einiger Entfernung. Die Polizisten scheinen nichts Besonderes vorzuhaben. Sie unterhalten sich, telefonieren, verschwinden kurz im Restaurant, kommen wieder, rauchen. Irgendwann verlieren wir die Geduld und strecken trotz der Anwesenheit der Ordnungshüter den Daumen und unser Frankreich-Schild hoch. Zwar scheint es diese nicht zu kümmern, aber anhalten tut auch niemand. Die Italiener fahren um diese Jahreszeit in die Berge zum Skifahren. Nach Frankreich scheint es keinen zu ziehen.

Die Sache beim Stöppeln ist Folgende: Solange niemand hält, findet man es logisch, dass niemand hält. Warum sollte jemand zwei wildfremde, verwahrlost aussehende Menschen an einer Tanke mitnehmen? Wenn dann doch jemand hält, also das tut, was gerade noch völlig unlogisch erschien, wird dasselbe plötzlich logisch. Logisch hält der, denkt man. Warum sollte er nicht nett sein und zwei Menschen, die offenbar eine Mitfahrgelegenheit brauchen mitnehmen, wenn er doch so viel Platz im Auto hat und vielleicht sowieso froh ist um eine Gesellschaft? Dass jemand hält ist genauso logisch, wie dass vorher niemand gehalten hat. Die Logik des Stöppelns ist also sehr flexibel, um nicht zu sagen kapriziös.

Während man da steht und die Autos an einem vorbeifahren, denkt man immer an die gleichen Dinge. Dass man kein Glück haben wird, dass die meisten Autofahrer egoistisch und asozial sind, dass man positiv denken sollte, um mit dem Denken nicht das unvermeidliche Desaster heraufzubeschwören, dass bestimmt bald jemand halten wird, dass bestimmt niemand halten wird, dass man jetzt dann bald einen Kaffee oder etwas zu Essen braucht, und dann das Ganze wieder von vorn. Warum, werden Sie sich fragen, machen wir so etwas, wenn es so schrecklich ist? Nun genauso gut könnte man fragen, warum Menschen Kinder haben, obwohl jeder weiss, dass Kinder einen das Leben zur Hölle machen können. Oder warum Menschen einen Marathon laufen, obwohl es irre anstrengend ist. Auf die Frage gibt es verschiedene Antworten. Eine ist, dass wir offenbar nicht ausschließlich logisch funktionieren, sondern viele Dinge tun, die keinen Sinn ergeben. Die andere ist, dass das Leiden meistens einen Mehrwert mit sich bringt, der unbezahlbar ist und dass wir immer nach neuen Erfahrungen streben und an unsere Grenzen gehen wollen. Aber heute wollen wir das nicht. Heute wollen wir faulenzen und Glacé essen. Also setzen wir dem zermürbenden Treiben frühzeitig ein Ende und entscheiden uns für ein alternatives Transportmittel. Ein Bus am nächsten Tag. Buchen. Zahlen. Fertig.

So einfach wäre das von Anfang an gewesen. Eine letzte Nacht auf der Piazza D’Armi bei Carla im Camper und vielleicht noch ein letzter Aperitivo a Discretion im Rossini?


Anita Blumer,
22.4.2017, 116. Jahrgang, Nr. 112.

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